Selbstverletzung
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Was ist Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ?

 

SVV, was auch als Auto- bzw. Selbstaggression bezeichnet wird, ist eine Suchtartige Handlung, in der eine Person sich Verletzungen zufügt. Dies geschieht beabsichtigt, ist dem SVVler oft aber in dem Moment nicht bewusst. Er befindet sich in einer Art Trance. Er spürt den Schmerz gar nicht oder erst später. Es handelt sich hierbei um eine ernst zu nehmende psychische Beeinträchtigung, die meist aus Depressionen, Mißbrauchserfahrungen, schweren Zurücksetzungen und ähnlichen seelischen Sorgen entspringt.

 

SVV tritt in verschiedenen Formen auf:

-        schneiden mit scharfen Gegenständen (Messer, Rasierklingen, Glascherben)

-        Beißen in Hände, Lippen oder andere Körperteile

-        Haare ausreisen

-        Verbrühungen

-        Verbrennen mit Zigartten

-        Exzessiver Sport

-        Knochen brechen

-        Kratzen

 

SVV ist ein Hilferuf. Allerdings einer, der nur wenig nützlich ist, denn SVVler verstecken ihre Narben, damit sie von der Umwelt nicht gesehen werden.

 

 

Wer?

 

Menschen, die sich selbst verletzen, können häufig nicht mit ihren Gefühlen umgehen, und es scheint einen biologisch erklärbaren Antrieb dafür zu geben. Sie neigen zu leichter Aggressivität und ihr Gemütszustand zum Zeitpunkt der Selbstverletzung ist wahrscheinlich eine stark intensivierte Version einer langbestehenden zugrundeliegenden Stimmung, (Herpertz, 1995). Ähnliche Ergebnisse beschrieben Simeon et al. (1992); sie fanden heraus, daß es zwei emotionale Hauptzustände gibt, die am häufigsten bei den Personen, die sich selbst verletzen, zum Zeitpunkt der Handlung vorhanden sind: Angst- und Ärgergefühle, die zudem seit längerer Zeit als Persönlichkeitsmerkmale bestehen. Linehan (1993a) fand heraus, daß die meisten SVVler ein stimmungsabhängiges Verhalten zeigen, in Übereinstimmung mit den Forderungen ihres gegenwärtigen Gefühlszustandes handeln, anstatt längerfristige Wünsche und Ziele zu erwägen. Selbstverletzung ist keine psychische krankheit, sondern ein Symptom derer. SVV Patienten berichten , dass sie die Verletzung richtig planen- oft mit einem bestimmten Ritual. Ein Lieblingsmesser bei einer bestimmten musik- meist aber an Körperstellen, die man durch Kleidung verdecken kann, oder sonst nicht sichtbar sind. SVV ist generell ein Hilfeschrei!

Das Gesamtbild zeigte sich bei Menschen, die:

 - sich selbst nicht leiden können und sich verneinen
 - sehr empfindlich auf Ablehnung reagieren
 - dazu neigen, ihre Angst zu unterdrücken
 - chronisch ärgerlich sind, normalerweise auf sich selbst
 - einen hohen Grad aggressiver Gefühle besitzen, was sie sehr stark mißbilligen und dann häufig unterdrücken, oder nach innen lenken
 
- impulsiver sind und es an Impulskontrolle mangelt
- dazu neigen nach ihrer momentanen Stimmungslage zu handeln
- dazu neigen, in den Tag hinein zu leben und nicht weiterzuplanen
- die depressiv und selbstmordgefährdet/selbstzerstörerisch sind
- unter chronischen Angstzuständen leiden
- leicht reizbar sind
- die sich selbst als nicht fähig erachten, mit Situationen und Emotionen umzugehen
- keine vielfältigen Möglichkeiten der Verarbeitung und Bewältigung besitzen
- glauben, daß sie nicht die Fähigkeit besitzen, ihr Leben zu meistern
- dazu neigen, "den Kopf in den Sand zu stecken", vermeiden Probleme
- kein Selbstvertrauen besitzen

 

Warum?

 

Wenn man hört jemand verletzt sich selber, frägt man sich wohl zwangsläufig warum? Geniesst die Person den Schmerz? Ist dieses Verhalten dann mit Masochismus gleichzusetzen? Nein. Den meisten Menschen kommt die Vorstellung sich in die eigene Haut zu schneiden und angesichts von Schmerz und Blut Erleichterung zu empfinden fremd vor. Normalerweise versucht man den Schmerz zu begegnen, indem man zu Beruhigungsmittel greift, sich ablenkt oder beruhigt. Es erscheint paradox, sich mit Hilfe stärkerer Schmerzen Erleichterung zu verschaffen. Es gibt viele verschiedene Erklärungsansätze für dieses Verhalten - eines haben sie alle gemeinsam...- sie verweisen auf Lebensumstände, die sich von den meisten gesunden Kindheitserfahrungen, Gefühlen und Entwicklungen drastisch unterscheiden. Aber was kann eine Person dazu verleiten, sich selbst zu verletzen und den körperlichen Schmerz zu ignorieren? Für die Person, die sich selber verletzt, ist das Ziel der körperliche Schmerz an sich. Der SVV'ler versucht mit diesem körperlichen Schmerz einen anderen zu übertönen, so grotesk das auch erscheinen mag, aber diese Person ist nicht in der Lage den psychischen Schmerz in Worte zu fassen, um dadurch Spannung abzubauen. Das sich selber verletzen bringt allerdings nur kurzfristige Entspannung, die sich selbstverletzende Person gibt mit der Zeit reale, emotionale Verbindungen auf, und zieht sich immer mehr zurück. Selbstverletzung ruft ein intensives Gefühl der Erleichterung, der Befreiung hervor, nachdem sich z.B. Survivors sehnen. Gleichzeitig ist es ein versuch. Etwas unter Kontrolle zu bekommen, eine Art der Bestrafung, ein Weg Ärger auszudrücken und eine Möglichkeit etwas zu fühlen.

·         um Spannungen abzubauen, die sich durch eine negative Situation aufgebaut hat.
·         um sich dadurch Erleichterung zu verschaffen, da sich die Anspannung dadurch auf ein erträgliches Nivean reduzierte.
·         SVVler die ihre Wut nicht nach außen (an den Verursacher) richten können, richten sie gegen sich (indirekte Aggression)
·         als Flucht vor der dem Alleinsein.
         um emotionale Sorgen und Probleme auszudrücken, sie mitzuteilen.
·         um Kontrolle über den eigenen Körper zu spüren.
·         um selbst noch zu spüren.
·         seelische Schmerzen werden in körperliche Schmerzen umgewandelt, weil sie dort greifbarer erscheinen, man kann besser mit ihnen umgehen.
·         als Ergebnis von Mißbrauchserfahrungen.
·         als Ergebnis von Kindheitstraumatas.

Menschen, die sich selbst Verletzungen zufügen neigen häufig dazu eine depressive und niedergeschlagene Stimmung aufzuweisen, auch wenn sie sich gerade in einer Phase befinden, in der sie sich nicht aktuell verletzen.

 

 

Alternativen:

 

Versuche Dir eine Art Notfallliste zu erstellen. Schrieb Alternativen auf, die dir vielleicht beim nächsten mal helfen können, den Impuls, zu unterdrücken. Dies sind nun ein paar Möglichkeiten. Jedem Hilft etwas anderes und manchmal hilft auch nichts. Dann verurteile Dich nicht, sondern versuch es zu vergessen und versuche beim nächsten mal eine alternative zu wählen:-        auf ein Kissen einhauen
-        kalt duschen
-        Eiswürfel lutschen
-       Eiswürfel auf die Haut drücken
-        Joggen
-        Schreien
-        Tanzen
-        Mit jemandem sprechen
-        Versuche, möglichst nicht alleine zu sein
-        Schreibe auf, was du momentan fühlst
-      Versuche deine Gefühle kreativ umzusetzen
-        Trage ein Gummi um Dein Handgelenk und laß es schnalzen
-        Male Dir rote Striche mit wasserlöslichen Filzstiften auf die Haut anstatt zu schneiden
-        Weine, wenn du kannst
-        Schreibe Dir Deinen ganzen Frust von der Seele, verfasse Kurzgeschichten oder Gedichte
-        Mach Musik, spiele ein Instrument spielen oder erlerne es
-        Versuche Deine Gefühle mitzuteilen
-        Etwas scharfes essen - hineinbeißen in einen Pfefferoni, Zitrone, Grapefruit
-        Schalte Musik ganz laut
-        Reinige dein Zimmer, das ganze Haus
-        Wirf einen Ball gegen eine Wand
-        Nimm eine Braustablette in den Mund. Lasse sie so lang wie möglich im Mund ohne zu schlucke (hört sich blöd an, aber lenkt ab)
-        Nimm den Gegenstand, mit dem du dich sonst selber verletzt und richte es dieses Mal gegen etwas anderes als dich selbst
-        Sage Dir, dass Du Dich in 15 Minuten immer noch verletzten kannst. Versuche nach den 15 Minuten, ob du es nochmal 15 Minuten aushälst.
-        Schreib eine Liste mit Gründen, warum du das Schneiden aufhören wirst. Immer wenn du dann den Drang verspürst, dich selber zu verletzen, lies die Liste als Erinnerung daran, warum du es jetzt nicht tun solltest.
-        Wenn der Drang dennoch nicht weniger wird, erlaube Dir das SVV, aber bestimme woher wie weit und versuche die Grenze nicht zu überschreiten.

 

 

Angehörige:

 

Viele Menschen, die noch nichts mit Selbstaggression zu tun hatten, wissen oft nicht, wie sie auf dieses doch so heikle Thema reagieren sollen, wenn sie damit erstmals konfrontiert werden. Denn was soll man auch sagen, wenn man erfährt, daß sich eine vertraute Person selbst Verletzungen zufügt? Und auch, wenn sie schon von dem Problem des SVV wissen, so heißt das nicht, daß sie damit umgehen können. Viele sind überfordert und wissen einfach nicht, was sie tun sollen.
Zunächst solltest Du Dich ausführlich über das Thema „Selbstaggression“ informieren, wenn Du einem SVVler beiseite stehen willst. Denn es wird Dir wohl so schon schwer genug fallen, dieses Problem zu verstehen. Wenn es überhaupt möglich ist dieses Verhalten nachzuvollziehen. Denn oft können das die Betroffenen selbst nicht. Doch wenn Du Dich darüber informiert hast, dann wird der Umgang damit vielleicht nicht ganz so schwer für Dich werden. Weitere Informationen kannst Du neben dem Internet, auch in Büchern nachlesen. Hast Du Dich nun dazu entschlossen, einer Person mit SVV beiseite zu stehen und sie zu unterstützen, solltest Du Dir darüber bewußt sein, das einige problematische Situationen auf Dich zukommen werden (dies hängt auch ganz von der Stärke des SVV ab).
Wichtig ist, wenn Du einem Betroffenem helfen willst, daß Du immer hinter ihm stehst, für ihn da bist so oft es geht und ihm dies auch zeigst. Ein SVVler muß wissen, daß Du für ihn da bist, so daß er den Mut hat, zu Dir zu kommen, um Hilfe zu bitten und Deine anzunehmen. Biete ihm nie Hilfe an, wenn Du sie ihm nicht geben kannst, denn bist du nicht da, obwohl Du es versprochen hast, so kann daß zu einer erneuten Selbstverletzung führen.
Wenn Du also einmal nicht für Deinen "Schützling" da sein kannst oder Du gerade nicht dazu fähig bist, Dich um die Person zu kümmern, dann teile ihr das auf behutsame Weiße mit. Indem Du ihr sagst, daß Du zwar immer für sie da sein willst, daß du aber nicht immer kannst. In den meisten Fällen wird daß ein SVVler nicht verstehen können, besonders wenn er/sie sich in einer eher schlechten Phase befindet. Er wird sich höchstwahrscheinlich von Dir verlassen fühlen, zumindest im Moment, aber ich glaube, daß er Dein Verhalten früher oder später einsehen wird. Denn wenn eine Auszeit für Dich nötig ist, solltest Du sie nutzen.
Beachte auch, wie Du darauf reagierst, wenn Dir eine vertraute Person davon erzählt, daß sie unter SVV leidet. Denn Du solltest auch auf Deine eigenen Gefühle und Emotionen hören. Viele Menschen kommen mit einem Thema wie Autoaggression nicht zurecht, weil sie es z.B. beängstigend oder sogar abstoßend finden und auch wenn Du der betroffenen Person helfen möchtest, solltest Du Dir doch eingestehen, wenn Dir das Thema unangenehm wird.
Nun lässt sich jedoch noch darüber streiten, ob man es dem SVVler überlassen sollte, daß Thema aufzubringen, oder ob man auch selbst einmal nachfragen sollte. Das ist nämlich bei jedem individuell. Am besten ist, wenn man sich offen in einem Gespräch zusammen setzt und einfach mal offen nachfragt. Hierbei kannst Du auch erklären, daß Du Probleme hast, daß Verhalten zu verstehen, daß aber gerne möchte und Du deshalb um Hilfe seiner- bzw. ihrerseits bittest.
Und wenn es manchmal den Anschein hat, der SVVler verletzt sich, daß Du Dich schlecht oder schuldig fühlst, oder gar um Dein Verhalten zu beeinflussen, so ist das nicht der Fall. In den meisten Fällen stellt die Selbstverletzung zwar einen Hilfeschrei da, was z.B. auch die Suche nach Aufmerksamkeit beinhalten kann, aber sie dient nicht dazu einer vertrauten Person ein schlechtes Gewissen zu machen.

 

Außführliche Informationen zum Thema SVV findet ihr bei Rote Tränen

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